• Tierquälerei, Zucker und Markenlogos auch für deutsche Kinder zum

    Weltschulmilchtag

    Unter dem Deckmantel des angeblich gesundheitlichen Nutzens von Milch werden die Subventionierung des Milchmarktes und der Ausbeutung von Tieren mit EU-Geldern sowie die Vermarktung von ernährungsphysiologisch unausgewogenen Produkten an Kinder versteckt.

Das EU-Schulmilchprogramm

Und warum Kinder lieber etwas über Tiere und Gesundheit lernen sollten

Seit Jahren wird die Kritik am Schulmilchprogramm lauter – ob von Ernährungsfachkräften, Elternvertretern, den europäischen Finanzkontrolleuren oder Tierrechtlern. Denn das Schulmilchprogramm ist für Kinder weder gesund noch notwendig. Zudem ist es keine sinnvolle staatliche Investition in die Kinderernährung und vermittelt ein falsches Bild von artgerechter Tierhaltung. Doch darüber hinaus erhalten Hunderttausende Schulkinder in Deutschland die stark gezuckerte Pausenmilch und Milchfirmen staatliche Unterstützung – alles offiziell im Namen der „gesunden Ernährung“, obwohl es eigentlich nur um Absatzsteigerung geht. Die Gesundheit von Kindern und Millionen von Kühen muss hinten anstehen.

Ein guter Platz, um Kindern wichtige Informationen über Gesundheit, Ernährung und die Herkunft von Lebensmitteln zu vermitteln, wäre der Schulunterricht. Doch stattdessen sind Kinder auch hier der Werbung der Lebensmittelindustrie ausgesetzt. Bestes Beispiel: das Schulmilchprogramm, das mit EU-Fördergeldern und somit durch unsere Steuern unterstützt wird.

Dabei werden in Deutschland etwa 4,3 Millionen Kühe für die Milchindustrie gehalten – meist in nicht artgerechten Ställen oder sogar ihr Leben lang an derselben Stelle in der sogenannten Anbindehaltung. Kühe geben – genau wie wir Menschen – nur Milch, um ihren Nachwuchs zu säugen. Daher gebären Kühe ungefähr einmal im Jahr ein Kalb, damit der Milchfluss stetig hoch bleibt. Das bedeutet, dass jedes Jahr etwa 2,7 Millionen Kälbchen ihren Müttern entrissen werden, meist direkt nach der Geburt (1). Auf Milchpackungen, in Werbevideos oder Schulmilchprospekten hingegen sieht man scheinbar glückliche Kühe mit ihren springenden Kälbchen auf der Weide.

Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) sind insgesamt 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, 6,3 Prozent leiden sogar unter Adipositas. Dabei steigt der Anteil übergewichtiger Kinder nach Schuleintritt schnell an (2). Ungesunde Lebensmittel, wie beispielsweise gezuckerte Milchmischgetränke (Kakao, Erdbeermilch und Co), und die Vermittlung von ungesundem Ernährungsverhalten durch Werbung sowie mangelnde Aufklärung tragen entscheidend dazu bei.


Zum Schulmilchprogramm

Wie Subventionierungen des Milchmarktes versteckt werden

Der Weltschulmilchtag wurde im Jahr 2000 von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eingeführt, um auf Schulmilchprogramme weltweit aufmerksam zu machen. Dieser Tag wird in Deutschland dazu genutzt, ein Programm zu feiern, das Mitte der 70er Jahre nur zur Absatzsteigerung von Milch und Milchprodukten eingeführt wurde und erst im Nachhinein einen „Gesundheitsanstrich“ erhielt. Den eigentlichen Zweck beschrieb 1982 der damalige Landwirtschaftsminister in NRW, Hans Otto Bäumer (SPD), noch ehrlich: Dieser bestünde ausschließlich darin, „den Milchabsatz zu heben, mehr Umsatz zu erreichen“ (3)

Unter dem Deckmantel des angeblich gesundheitlichen Nutzens von Milch werden heute eine Subventionierung des Milchmarktes und der Ausbeutung von Tieren mit EU-Geldern sowie die Vermarktung von ernährungsphysiologisch unausgewogenen Produkten an Kinder versteckt.

Wer den wirklichen Preis zahlt

Millionen Kühe und ihre Kälber zahlen den wahren Preis für Kuhmilch und Schulmilchprogramme. Die sensiblen Tiere leiden unter der nicht immer tiergerechten Haltung im Stall und werden auf noch mehr Leistung gezüchtet – zahlreiche Krankheiten und schmerzhafte Entzündungen sind die Folge. Gibt eine Kuh weniger Milch oder wird nicht jedes Jahr erneut schwanger, ist sie für den Landwirt unwirtschaftlich und wird getötet. Kälber werden ihren Müttern unmittelbar nach der Geburt weggenommen – den weiblichen Tieren steht ein Leben als Milchmaschine bevor, die männlichen Kälber enden nach einem kurzen Leben im Schlachthaus.

Diese Realität ist weit entfernt von dem Bild, das in Broschüren, auf Websites und bei Bauernhofbesuchen des Schulmilchprogramms gezeichnet wird.


Schulmilch und Gesundheit

Warum das Schulmilchprogramm nichts mit Gesundheit zu tun hat

Um den „Gesundheitsanstrich“ zu bewahren, versuchen die Befürworter des Schulmilchprogramms, eine Reihe von Argumenten – von Kalzium bis hin zur Prävention von Übergewicht – ins Feld zu führen. Diese „Beweise“ sind jedoch weder schlüssig noch stellen sie eine Rechtfertigung für das Programm dar.

Gezuckerte Milchprodukte, wie sie von einem Großteil der Kinder ausgewählt werden, enthalten mit rund 9 bis 10 g Zucker pro 100 ml und knapp 70 Kalorien bei den fettarmen Varianten bzw. knapp 90 Kalorien bei den Vollfett-Varianten mehr Kalorien als Limonade und fast so viel Zucker (4,5)

Milchprodukte und auch die Produkte, die im Rahmen des Schulmilchprogramms verteilt werden, sind zudem Lieferanten von gesättigten Fettsäuren. Kinder und Jugendliche nehmen – u. a. laut der EsKiMo-Studie (Ernährungsstudie als KiGGs-Modul) – jedoch bereits ein Zuviel an gesättigten Fettsäuren zu sich (6). Eine erhöhte Zufuhr von gesättigten Fettsäuren lässt die schlechten Cholesterinwerte im Blut ansteigen. Würde man diese gesättigten Fettsäuren durch ungesättigte Fettsäuren, wie sie in pflanzlichen Produkten vorkommen, austauschen, ließe sich das Risiko für Fettstoffwechselstörungen und Herzkrankheiten senken (7).

Auch das Argument des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, wonach das Schulmilchprogramm Kindern und Jugendlichen Wissen über eine ausgewogene Ernährung vermitteln und damit Übergewicht vorbeugen solle, ist in Anbetracht der Tatsache, welche Produkte zur Auswahl stehen und von den Kindern gewählt werden, bedeutungslos.

Aus Angst, der hohe Zuckeranteil der von Kindern bevorzugten Produkte könnte auf Kritik stoßen, werden irreführende Studien in Auftrag gegeben. Sinnvolle Kontrollgruppen fehlen. Gezuckerte Schulmilchprodukte wie Kakao werden mit Energydrinks und Limonade oder einem völlig fehlenden Frühstück verglichen. Zwei Zigaretten sind vermutlich auch besser als 10, und Cola mit zugesetztem Kalzium hat auch mehr Kalzium als eine Cola ohne – empfehlen würde Sie Ihnen trotzdem niemand.

Befürworter des Programms schrecken dabei nicht einmal davor zurück, diese Vorgehensweise geschickt zu verpacken. Es ist die Rede von „Zugeständnisse an den Geschmack heutiger Kinder“, „im Milchbereich darauf setzen […], den Kindergeschmack zu treffen“ oder „Kakao verschafft Kindern einen Zugang und eine positive Verbindung zum Produkt Milch“. Anders gesagt: Zucker und Geschmacksvarianten sind nichts anderes als Lockstoffe.

Die Vorsitzende des Elternvereins NRW, Regine Schwarzhoff, bringt es für einen Zeitungsbericht jedoch auf den Punkt „Wir finden es höchst fragwürdig, Erstklässler mit diesem zuckrigen Gratiszeug anzufixen.“

 

Wie Firmen mit Milchmischgetränken um Kinder werben

In Anbetracht der hohen Prozentzahlen für übergewichtige und sogar adipöse Kinder und der steigenden Anzahl an Neuerkrankungen für Diabetes Typ 2 bereits im Jugendalter sollte eine Vermarktung von unausgewogenen Produkten nicht auch noch politisch gefördert und gezielt an deutsche Schulen gebracht werden. Doch genau dies ist beim Schulmilchprogramm der Fall.

Dass Werbung – insbesondere von ungesunden Produkten und an Schulen – für Kinder eingeschränkt werden sollte, würden vermutlich die meisten unterschreiben. Aus diesem Grund hat das WHO-Regionalbüro für Europa 2015 empfohlen, Kinderwerbung einzuschränken. Im sogenannten nutrient profil model werden zur Bewertung, ob ein Lebensmittel an Kinder beworben werden darf, Lebensmittel nach ihrer Zusammensetzung eingeteilt (8). Wichtig sind beispielsweise Zucker- und Fettgehalt. Auch verschiedene Unternehmen haben in einem EU-Pledge eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnet (9).

Unternehmen, wie beispielsweise Milchproduzenten, müssen diese Empfehlungen und Verpflichtungen natürlich nicht einhalten und können sich zudem das Schlupfloch „für Unterrichtszwecke“ im EU-Pledge als Argument zunutze machen. Gezuckerte Milchmischgetränke in Kombination mit Broschüren voller trügerischer Informationen über landwirtschaftliche Tierhaltung und irreführender Aussagen über gesunde Ernährung bieten jedoch keine Lösung für die schlechte Ernährungsbildung bei Kindern.

In der Praxis greifen etwa zwei Drittel der Kinder zu Kakao, Erdbeer- und Vanillemilch. Diese Produkte erfüllen aufgrund des zugesetzten Zuckers und Fettgehalts nicht die WHO-Europa-Kriterien für ausgewogene Lebensmittel, die an Kinder vermarktet werden dürfen. Daher fiel die Schulmilch von Royal Friesland Campina (Landliebe) auch bei der gerade veröffentlichten foodwatch-Studie Kindermarketing für Lebensmittel durch (10).

Gibt es sinnvolle Alternativen?

Im Rahmen des Schulmilchprogramms werden Informationsbroschüren voller Markenlogos zur „Gesundheitserziehung“ an Kinder ausgeteilt. Gepaart mit stark gesüßten Milchmischgetränken voller Kalorien vermitteln diese eine falsche Vorstellung von gesunder Ernährung. Das unterstützt schlechtes Ernährungsverhalten – eine der wesentlichen Ursachen für die weltweite Adipositasepidemie und den Anstieg ernährungsmitbedingter Krankheiten wie Diabetes und Übergewicht. Nebenbei werden den Kindern eine falsche Vorstellung von landwirtschaftlicher Tierhaltung und ein positives Image bestimmter Marken vermittelt.

Milch ist für eine ausgewogene Ernährung nicht notwendig. Das oft angesprochene Kalzium beispielsweise kann ganz nebenbei über ein kalziumreiches Wasser oder über verschiedene rein pflanzliche Produkte aufgenommen werden. Haselnüsse, Mandeln und getrocknete Feigen, Amaranth, Sesam und Chiasamen, grünes Blattgemüse wie Grünkohl, Spinat und Rucola und Hülsenfrüchte wie Kichererbsen oder Sojabohnen sind ebenfalls reich an Kalzium und liefern nebenbei weitere wichtige Mikro- und Makronährstoffe – ideale Ergänzungen für den Pausensnack.

Mit dem Schulobst- und -gemüseprogramm gibt es heute eine überzeugende Alternative. Das Schulfrühstück wird mit sinnvollen Komponenten ergänzt und es besteht keine Gefahr, dass Schüler ungesunde Varianten wählen. Zudem werden regionale Anbieter – und nicht tierausbeutende Konzerne – gestärkt, und Obst und Gemüse unterstreichen den begleitenden markenunabhängigen Unterricht zu gesunder Ernährung.

PETAs Unterrichtsmaterial und die Ernährungspyramide stellen eine gute Ergänzung des Unterrichts dar.

Was Sie tun können?

Laut eines Ergebnisberichts des Max-Rubner-Instituts im Auftrag des BMEL zu Einflussfaktoren auf die Nachfrage nach Schulmilch in Grundschulen in Nordrhein-Westfalen entscheiden 81 % der Lehrer und 62 % der Schulleiter, aber nur 37 % der Eltern über die Auswahl der angebotenen Schulmilchprodukte.

92 % der Schulleiter begründen ihre Entscheidung für Schulmilch mit dem angeblichen gesundheitlichen Aspekt, scheinbar unwissend, welche gesundheitlichen Risiken die angebotenen Produkte bergen und welche besseren Alternativen es gibt (11).

Klären Sie also Eltern, Lehrer und Schulleitung auf und werden Sie aktiv. Infomaterial erhalten Sie unter info@petakids.de.

Quellen:

  1. DESTATIS – Statistisches Bundesamt (2015): Tiere und tierische Erzeugung – Haltung mit Rindern und Rinderbestand für November 2014 und Mai 2015.
  2. Kurth, B. M./Schaffrath Rosario, A.(2007): Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) Bundesgesundheitsbl. – Gesundheitsforsch. Gesundheitsschutz 50: 736–743.
  3. Das Erste; Autor: Bastian Welte (WDR)(2014): Schulmilch auf dem Prüfstand. www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/schulmilch-100.html
  4. Die Welt (2014): Auf Kinder wirkt gezuckerte Milch wie eine Droge. www.welt.de/regionales/nrw/article132040756/Auf-Kinder-wirkt-gezuckerte-Milch-wie-eine-Droge.html
  5. Nährwertangaben: www.fuer-mich-lieber-milch.de/produkte/
  6. Mensink, G.B.M et al.: Die aktuelle Nährstoffversorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse aus EsKiMo. Ernährungs Umschau 54 (2007) S. 636-646.
  7. DGE (2015): Ausgewählte Fragen und Antworten zur 2. Version der DGE-Leitlinie „Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedinger Krankheiten“. http://dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/faqs/faq-2-version-fettleitlinie/
  8. http://www.euro.who.int/en/health-topics/disease-prevention/nutrition/publications/2015/who-regional-office-for-europe-nutrient-profile-model
  9. http://www.eu-pledge.eu/content/eu-pledge-commitments
  10. foodwatch e.V., Bode, T. (2015) (Hrsg.): foodwatch-Studie – Kindermarketing für Lebensmittel.
  11. Max-Rubner-Institut, Bonfig, J. et al. (2011): Ergebnisbericht: Einflussfaktoren auf die Nachfrage nach Schulmilch in Grundschulen in Nordrhein-Westfalen.

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